Seit 20 Jahren in Wien gestrandet.

Am 6. August 1986 fuhr ich mit meinem Auto aus der Unteren Viaduktgasse (Wien 3) in die Marxergasse, ohne nach rechts zu schauen. Die Folge: Zwei Autos Totalschaden, eine dicke Beule am Kopf, aber ansonsten alles glatt gelaufen.

Seither lebe ich in Wien.

Ein paar Wochen zuvor habe ich in der "EKB" in Braunau am Inn gekündigt, wo ich als "Kabelträger" am Fließband und gelegentlich auch im Lager als Staplerfahrer gearbeitet habe. Irgendwie hatte dieser Job aber keine Zukunft - gelinde gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war ich ja schon 22, und da denkt man schon mal an die Rente.

Um das Auto war nicht schade, am meisten geärgert hat mich, dass der Tank voll war. Immerhin musste ich keinen Parkplatz mehr suchen, dafür eine Wohnung und einen Job. Wohnungen in Wien waren damals so teuer wie heute, aber das Geld war knapper: zu viert in einer 60m² Wohnung (ohne Möbel) konnte man sich gerade noch leisten. Kurz darauf begann ich bei Philips, 1600 Platinen am Tag zu bestücken, also alle paar Sekunden eine.

Das Problem: Für eine Lehre war es zu spät, und wenn ich jemals Fließband oder Bau hinter mir lassen wollte, musste ich zumindest die Matura (=Abitur) machen, um danach zu studieren. Meine Oldies wollten und konnten aber nicht so recht zahlen, und irgendwie möchte man sich ja doch gelegentlich ein Wurstsemmerl kaufen.
Die Lösung: Da ich einige Jahre gearbeitet habe, hatte ich Anspruch auf Arbeitslosengeld; und die Höhe der ALU wurde vom durchschnittlichen Gehalt der letzten Monate berechnet. Ich begann also bei Philips Überstunden, Nachtschichten und Feiertagsarbeit zu machen, was zu bekommen war.
Neun Monate später bekam ich soviel ALU, wie ich in der EKB verdient habe und hatte sogar noch Erspartes auf dem Konto. Ich marschierte zur Maturaschule Dr. Roland und meldete mich an. Genau ein Jahr später kam ich mit einem Maturazeugnis wieder heraus.

1988 immatrikulierte ich an der Technischen Universität Wien Elektotechnik. Ich muss gestehen: in Mathematik bin ich ganz gut, aber für die TU reichte es nicht. Ein Jahr bemühte ich mich, dann suchte ich mir einen Job in einer ruhigen Buchhandlung, um mal Nachdenkpause zu haben.
Am Ende der Nachdenkpause schaffte ich die Aufnahmeprüfung an der "Graphischen", Wien, Leyserstraße.
Die Graphische war damals (1990) in einem erbärmlichen Zustand: Die meisten Lehrer waren hinterrücks vom Computerzeitalter überrascht worden und irrten orientierungslos umher. Für ein paar hundert Schüler gab es 9 Mac's (ohne Festplatte), und die waren meistens hin.
Ich hatte einen Atari TT zuhause, mit dem man schon (semi)professionell arbeiten konnte, einen ordentlichen Zeichentisch, eine Kaffeemaschine und einen Aschenbecher. Also alles, was ein Graphiker braucht. Kein Wunder, dass ich lieber zuhause war.

Trotzdem hätte ich fast die Graphische zu Ende gebracht, wenn ich nicht ein halbes Jahr vorher den Graphiker Charly Kuba getroffen hätte, der bei einem sehr großen Projekt etwas in Zeitnot geraten war. Gemeinsam machten wir die gesamte Graphik für eine große Ausstellung - "Kunst des Heilens - Stift Gaming (1992)"
Auf der Graphischen ließ ich mich nur mehr blicken, um wiederum Jobs an meine Kollegen auszuteilen, was den Lehrern gar nicht gefiel...

Ich einigte mich mit mir darauf, dass ich in den vier Monaten mehr gelernt habe als in zwei Jahren Graphische, kaufte mir vom Geld aus Gaming meinen ersten Macintosh, eine Flasche Whisky und was man sonst noch so braucht, und verkündete fortan:
Ich bin Graphiker. In Wien.

 

Graphiker in Wien: Chio Maisriml


Eine unglückliche Verkettung von Umständen, die mit einem Autounfall begann:

Chio Maisriml: Graphiker in Wien. Webdesign, interaktive CD-ROM Erstellung und Programmierung.

 

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